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Börsenberichterstattung der ARD: Was mich stört

An die Kollegen in der ARD-Börsenredaktion,

meine folgende Nachricht bitte als konstruktive Kritik verstehen. Vielleicht können Sie meine Sichtweise ja teilen. Oder mir Ihre Gründe nennen, warum ich falsch liege.

Was mich allgemein an der Börsenberichterstattung, besonders hierzulande, stört, ist, dass für alle Kursschwankungen – ob nach oben oder nach unten – offenbar Erklärungen gesucht werden.

Storytelling schlägt klare Aussage?

Ich weiß nicht, ob das mit dem in unserer Branche seit geraumer Zeit sehr beliebtem Storytelling zutun hat (oder dem journalistischen Bedürfnis, für alles irgendeine Erklärung parat zu haben). In den meisten Fällen, das glaube ich zumindest, dürften Kursbewegungen eine krude Mixtur als (teilweise völlig irrational handelnden) Marktteilnehmern sein, ob retail oder institutionell.

Heute ist mir aufgefallen, dass Ihre diensthabende Börsenredakteurin in der Sendung „Wirtschaft am Mittag“ im Deutschlandfunk (die ich gerne höre), auch über die Quartalszahlen von Hello Fresh berichtet hat. Was in Ihrer (hiermit sind die Berichte der Sendung allgemein gemeint, und nicht die einer einzelnen Person) Berichterstattung allerdings (meiner Beobachtung nach) so gut nie vorkommt, ist die Entwicklung eines Wertpapiers im Laufe des Tages.

Nennung des Kursverlaufs wäre wünschenswert

Und gerade das wäre doch an ebensolchen Tagen, an denen ein Unternehmen Zahlen vorlegt, doch interessant. Heute hieß es (Ortszeit ca. 13:40 Uhr), in Bezug auf Hello Fresh (und wenn ich richtig zugehört habe), dass die Aktie „ein Prozent im Plus“ sei. Angeführter Grund dafür war, dass die Deutschen wegen Corona einfach mehr zuhause seien – und das Produkt von Hello Fresh, Kochboxen, da verstärkt nachgefragt würden. Was sicher auch stimmt, aber eben die Kursbewegung heute schlecht erklärt.

Fakt scheint zu sein, dass das Papier heute zwar auf Xetra höher eröffnet hat, allerdings ist Hello Fresh den ganzen Vormittag heute gesunken, und tut das jetzt noch (Ask heute morgen ca. 50 EUR, jetzt 46,60).

Auf das konkrete Beispiel kommt es mir hier nicht so sehr an, aber ein wenig ums Grundsätzliche, wie Sie sicher schon gemerkt haben. 🙂 Angenommen, ich höre am Nachmittag die Radiosendung (ohne dass ich mich den ganzen Morgen über informiere): Warum kann man dann nicht die Entwicklung der Aktie im Laufe des Tages kurz beschreiben (ein Grund für diese Entwicklung anzuführen halte ich dabei für absolut unnötig!)? Denn was der Grund dafür ist, dass nach einer Prognoseerhöhung ein möglicherweise solides Unternehmen an Marktkapitalisierung verliert, kann keiner mit Sicherheit sagen. 

Und ebendiese Unsicherheit würde ich mir manchmal auch in der Berichterstattung wünschen, übrigens nicht nur in der über die Börse (aber das führt zu weit). Hört sich vielleicht komisch an, ist aber ehrlich gemein. Ein bisschen Weniger wäre da meiner Meinung nach ein Mehr.

Und jeder, der an der Börse hantiert, weiß wahrscheinlich aus eigener Erfahrung, dass jeder einzelne Marktteilnehmer ohnehin seine höchsteigene Sicht auf die Dinge hat. Und die kann er oder sie sich dann jeder zu Ihrer Berichterstattung dazudenken (was er ja sowieso macht :)) Das ist ja auch das Besondere an dieser Parallelwelt. 🙂

Ich möchte aber nicht verpassen, Ihnen allen auch zu danken. Für Ihre hervorragende Arbeit und die oftmals interessanten Interviews. Besonders in diesem für uns alle speziellen Jahr.

Kollegiale Grüße und alles Gute Ihnen allen!