Stellen Sie sich vor, Ihre Familie hat eben Nachwuchs bekommen, ein kleines Mädchen – und Sie suchen nach einem Namen für Ihr Baby. Stellen Sie sich vor, ein großes Privatradio namens bigFM möchte von Ihnen, dass Sie dieses Kind „Susanka“ nennen. Im Rahmen einer PR-Aktion.
„Nenn dein Kind Susanka“
Warum? Weil Frau Bersin, die Moderatorin der bigFM-Morgensendung, neben ihrem Beinamen „schöne Tschechin“, der ihr vor geraumer Zeit offensichtlich von der Marketing-Abteilung des Senders aufgebrummt wurde, den Vornamen Susanka trägt – und „ihr Manager“ und Co-Moderator Oliver Pocher den Namen ebendieser Dame laut PR-Sprech des Senders „noch berühmter machen möchte“.
Dreimal Traumurlaub für die Willigen
Seit einer Woche läuft nun die Aktion „Nenn dein Kind Susanka“, oder – wie Oliver Pocher es ausdrückt: „Wenn ihr gerade schwanger seid, nennt euer Kind Susanka“.
So klingt es, wenn der Sender dazu auffordert, teilzunehmen:
Es kann nur vermutet werden, dass bigFM deshalb Teilnehmer der Aktion „belohnen“ möchte, weil der ausgelobte Preis für viele überhaupt erst den Grund darstellen dürfte, Ihr Kind „Susanka“ zu nennen. Dem Gewinner zumindest werden drei vom Reiseveranstalter l’tur gesponserte Familienurlaube „im Wert von insgesamt 6.000 Euro“ versprochen.
Eine Erkenntnis von bigFM
bigFM ist offensichtlich der Ansicht, dass diese Aktion keine wie jede andere ist. Sie sei nicht nur „neu“ und „einzigartig“, sondern auch „provokant“, hat die Marketingabteilung festgestellt. Eine Erkenntnis, die es auch prompt in die Pressemitteilung schaffte. Über Moderatorin Susanka Bersin heißt es dort übrigens, sie fühle sich „geschmeichelt, doch der Trubel um ihre Person ist ihr eher unangenehm“. Mann kann als Außenstehender nur darüber spekulieren, weshalb sie dann Moderatorin geworden ist und sich redlich bemüht, tagtäglich Hunderttausende bei Laune zu halten.
Damit man an dieser Stelle einen womöglich bleibenden Eindruck davon gewinnen kann, wie authentisch die Rollen hier im Programm von bigFM ausgefüllt werden, hier die Ankündigung der Aktion:
Umbenennung eines siebenjährigen Kindes offenbar geplant
Eine Woche später darf der Hörer „Lars aus Waiblingen“ etwas in der der Liveshow am Morgen sagen: Er gibt telefonisch zu Protokoll, dass er die Idee hinter der Aktion „grandios“ und außerdem „mega geil“ findet. Womöglich deshalb möchte er nun nach eigenen Angaben seine sieben Monate alte Tochter, die längst einen Namen hat, umbenennen lassen.

Was er dann während der Plauderrunde noch sagt, spricht Bände: Er möge den Namen Susanka zwar, „aber die Urlaube reizen natürlich auch“. Moderatorin Susanka Bersin wird ihrer Rolle doch sogleich gerecht – und kontert: „Aber das soll ja jetzt nur so ein bisschen euch entlasten, dann in den ersten Jahren. Das soll jetzt keine Entschädigung sein oder sowas!“
Ihr Kollege Daniel Storb, der unlängst unter nicht abschließend geklärten Umständen seine Stelle als Moderator bei bigFM antrat, findet offensichtlich, dass die Idee der Umbenennung des Kindes „voll gut“ ist. Zumindest sagt er das so im Programm. Auf Nachfrage von radiowatcher, ob er als Vater eines wenige Monate alten Kindes dieses für die Gegenleistung einer Traumreise nach dem Namen einer Moderatorin/eines Moderatoren umbenennen würde, antwortet er allerdings nicht. Man muss das alles hören, um es einordnen zu können:
„Wandelnde PR-Plattformen“?
Dr. Alexander Filipović, Sprecher des Netzwerkes Medienethik, sagt im Gespräch mit radiowatcher, Eltern würden durch die bigFM-Aktion „in Versuchung geführt, ihre Kinder zu verzwecken“. Das sei „medienethisch bedenklich“. Allerdings dürfe auch „die Autonomie der Eltern nicht unterschätzt“ werden, wenn es um solche Aktionen geht, sagt der Wissenschaftler.
Felix Unholz, lange Präsident des Verbandes Junge Medien Schweiz und selbst Radio-Moderator, reagierte emotionaler und schreibt kurz nach Start der Aktion auf Twitter:

Auf Anfrage von radiowatcher präzisiert er seine Sicht der Dinge:
Ich war schockiert, als ich von der Promo las. Und damit hat bigFM das Ziel dann wohl auch schon erreicht. Ich bin der Meinung, dass eine Promo sehr weit gehen kann. Die Grenze ist aber dann überschritten, wenn ein Sender in Kauf nimmt, dass Hörer derart weitgreifende Entscheidungen mit Einfluss auf eine andere Person treffen – nur um eine einmalige Gewinnchance zu bekommen. Die Kinder werden so zu wandelnden PR-Plattformen – bevor sie überhaupt wissen, was bigFM ist.
Auf der Fanseite von bigFM auf Facebook gibt es neben einer Reihe „Likes“ für die Aktion offensichtlich auch Abneigung:

Viele Fragen – wenig Antworten
Die Bewerbungsfrist zur Teilnahme an „Nenn‘ dein Kind Susanka“ ist laut Angabe des Senders nun abgelaufen.
Der Reiseveranstalter l’tur äußerte sich nicht auf die Anfrage von radiowatcher. Gefragt, welchen Zweck man als Programm mit der Durchführung einer derartigen Aktion verfolge und warum man diese in der eigenen Pressemitteilung als „provokant“ bezeichne, antwortet bigFM, dass „wir unsere programmlichen Strategien und Ziele nicht veröffentlichen“.
Konfrontiert mit der oben zitierten Einschätzung von Medienethiker Filipović, Eltern würden „in Versuchung geführt, ihre Kinder zu verzwecken“, erhält radiowatcher von l’tur keine Stellungnahme. Die Pressestelle von bigFM schreibt der Redaktion, man kommentiere Meinungsäußerungen Dritter nicht. Außerdem schreibt bigFM: „Des Weiteren möchten wir betonen, dass wir uns jeder journalistischen Anfrage mit dem gebotenen Ernst annehmen, sie entsprechend prüfen und auch mit einem Feedback versehen.“
12 Paare wollen Ihr Kind „Susanka“ nennen
Nachtrag, 20. März: Co-Moderator Oliver Pocher hat im Programm von bigFM bekanntgegeben, dass „über 12 Pärchen“ sich bereit erklärt hätten, ihr Kind Susanka zu nennen. „Wir sind bereit“, lässt eine angehende Mutter wissen. – „Das ist der Hammer. Ich bin hin und weg“, sagt Moderatorin Susanka. Man muss es gehört haben:
Nachtrag, 28. März: Die Hörer haben laut bigFM per Voting abgestimmt, die Gewinnerin des Spiels steht nun fest. Moderatorin Susanka Bersin gibt auf Facebook bekannt, sie sei „fix und fertig“: „Tina aus Trier gewinnt „Nenn dein Kind Susanka“. Als wir ihr soeben diese Nachricht übermittelt haben, sagt sie, dass sie jetzt gerade in den Wehen liegt und die kleine Susanka unterwegs sei. Sie ist nervös, verständlich.“
Dann die Aufforderung von Bersin an die Hörer bzw. Facebook-Nutzer: „Mädels und Jungs, lasst uns Tina unterstützen. Ruft an: 08000 900 901 oder postet hier eure Tipps, damit Tina das nicht alleine durchstehen muss.“ Dies und die Kommentare der Hörer kann man hier lesen.